Eugen Fink-Gesamtausgabe
Aufriss der Eugen Fink-Gesamtausgabe (EFGA)
Studien zur Phänomenologie
Eugen Finks Mitarbeit bei Edmund Husserl I (erschienen)
Eugen Finks Mitarbeit bei Edmund Husserl II (erschienen)
Inhalte und Aufriss der Gesamtausgabe
Die erste Abteilung der Gesamtausgabe setzt mit Finks Frühwerk ein, seinen genuin phänomenologischen Arbeiten, die im Anschluss und in Auseinandersetzung mit Husserl entstanden. Sie wird von einem Band eröffnet, der, beginnend mit Finks 1930 in Husserls Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung erschienener Dissertation, die Beiträge von Finks Aufsatzsammlungen zur Phänomenologie, der „Studien zur Phänomenologie“ (1966) und von „Nähe und Distanz“ (1974), in chronologischer Folge zusammenstellt. Der zweite Band umfasst solche Texte, die Fink im Auftrag von Husserl verfasst hat; dies betrifft vor allem Arbeiten zu Husserls Cartesianischen Meditationen. Die vier Unterbände der dritten Bandnummer, Texte aus den Jahren 1927 bis 1946, vereinen die Fülle der Aufzeichnungen, die Eugen Fink, zum größten Teil für sich selbst, in seiner Assistentenzeit bei Husserl und danach in den Kriegsjahren niedergeschrieben hat. Auf die besondere Bedeutung dieses Textmaterials wurde bereits verwiesen. Der vierte Band der ersten Abteilung mit Haupttexten aus den Jahren 1946 bis 1950 beinhaltet Arbeiten aus der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg: Unter dem Gesichtspunkt einer Problematisierung des Begriffs der Philosophie zeigen diese Texte Finks Absprung von der Phänomenologie hin zu einem „spekulativen“ Denken – in der Vorlesung „Einleitung in die Philosophie“ vom Sommersemester 1946 begegnet schon der Begriff der „kosmologischen Differenz“ –, als eine Entwicklung jedoch, die früh in Finks Werk angelegt war.
Band 4 der ersten Abteilung bildet damit einen Brückenkopf für die zweite Abteilung, die der Ausfaltung der Basis von Finks Philosophie gewidmet ist: seinen ontologischen, anthropologischen und kosmologischen Studien. Die Perspektiven des Ontologischen, Anthropologischen und Kosmologischen sind in Finks Denken eng aufeinander bezogen – und dementsprechend die Texte, in denen sie entfaltet werden –, ohne dass sie miteinander verschmelzen. Insbesondere ist es der „ontologische Entwurf“, dessen Konzeption sich Fink verstärkt in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre zuwendet, der zu den ontologisch-anthropologisch-kosmologischen Untersuchungen der 1950er Jahre überleitet. Die zweite Abteilung beginnt mit der Edition der Arbeiten Finks zu seinem ‚Welt-Denken'; hier wird im Ausgang einer Diskussion der Positionen Kants und Heideggers die Welt als zugleich kosmologischer als auch sozialer Raum zum ersten Mal systematisch umrissen. Auf diese Bände folgen Bände zu Finks ontologisch-kosmologischen Grundbegriffen: die Arbeiten zu „Spiel als Weltsymbol“ (Vorlesung von 1957, publ. 1960). ‚Spiel' als eines der von Fink namhaft gemachten fünf „Grundphänomene“ des menschlichen Daseins – die übrigen vier bestimmte er als Arbeit, Herrschaft, Liebe und Tod – ist bei Fink zugleich das Scharnier, in dem menschliches und kosmisches Sein ineinanderwirken, und daher auch ein Grundbegriff der Anthropologie. Der vierte Band der Abteilung enthält folglich den Text der „Grundphänomene des menschlichen Daseins“ (Vorlesung von 1955, publ. von E. Schütz und F.-A. Schwarz erstmals 1979). Band 5 ist dem Phänomen Mode vorbehalten (1969) – einem Thema, das ebenfalls dem anthropologischen Umfeld zugehört und u. a. zugleich eine Konkretion des Spiel-Themas in ästhetischer Hinsicht darstellt. Abgeschlossen wird die Abteilung durch weitere Zeugnisse von Finks Studien zur Ästhetik, die noch einmal die anthropologische Thematik mit der kosmologischen zusammenführen; in diesem Band wird auch eine Rekonstruktion des von Fink geplanten Rilke-Buches vorgenommen.
Die dritte Abteilung ist Finks Studien zur europäischen Ideengeschichte gewidmet. Sie enthält Bände mit Texten zur antiken Philosophie (Heraklit, Parmenides, Platon und Aristoteles), zu Descartes, Leibniz, Kant, Hegel und Nietzsche. Hervorzuheben ist hier insbesondere Finks vierzehnsemestriges Seminar einer Auslegung von Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Von allen Seminaren liegen ausführliche Dispositionen Finks vor sowie bei vielen von ihnen, als Lesetexte, eine lückenlose Protokollierung der einzelnen Seminarstunden.
Die vierte Abteilung enthält zunächst Finks Schriften zur Sozialphilosophie sowie die Vorlesungen „Experiment der Freiheit“ (1962) und „Ontologie der Arbeit“ (1965), die noch Fink selbst zum „Traktat über die Gewalt des Menschen“ (1972) zusammengestellt hatte. Als weiteres folgen ein Band zum Themenkreis der sozialen Funktion des Pädagogischen und schließlich Bände, die das von Fink seit den 1950er Jahren entwickelte umfassende Programm einer Philosophie der Erziehung dokumentieren; hierzu gehören auch zwei abschließende Bände mit Finks Vorlesung „Metaphysik der Erziehung im Weltverständnis von Platon und Aristoteles“ sowie diverse Texten zur Geschichte der Pädagogik der Neuzeit.
Es gehört zur Eigenart von Finks philosophischem Vorgehen, dass er sachlich-systematische Themen zumeist über die Diskussion von Standpunkten der philosophischen Tradition erarbeitete (Beispiele hierfür bieten etwa „Welt und Endlichkeit“ und die „Ontologische Frühgeschichte von Raum, Zeit, Bewegung“); aber auch umgekehrt gilt, dass in den ideengeschichtlichen Studien stets das Interesse an den eigenen systematischen Fragestellungen hindurchscheint. Und doch lassen sich seine Texte jeweils schwerpunktmäßig der einen oder anderen Richtung zuordnen: nämlich nach Maßgabe dessen, ob eine ideengeschichtliche Untersuchung zu dem Zweck durchgeführt wird, Positionen der Tradition vor der Folie einer neuen Weltsicht neu zu interpretieren, oder aber, um mit ihrer Deutung eigene sachliche Fragestellungen zu verfolgen. Man kann vielleicht sagen, dass alle ideengeschichtlichen Studien Finks, trotz ihrer Eigenständigkeit in sich, für ihren Autor letztlich Bausteine dafür waren, den Ausbau seiner eigenen philosophischen Position voranzutreiben. Dem entspricht, dass die meisten Seminare Finks – neben sozialphilosophisch-pädagogischen – vor allem ideengeschichtlichen Themen gewidmet sind, und dass die meisten der von Fink selbst publizierten Bücher sich mit der systematischen Ausgestaltung seiner ontologisch-anthropologisch-kosmologischen Position befassen.
Auch bei wichtigen Texten zur Sozialphilosophie und Philosophie des Pädagogischen in der IV. Abteilung besteht ein enger Bezug zu Finks Onto-Kosmologie und Anthropologie – so z. B. im Fall der Sozialphilosophie beim „Traktat über die Gewalt des Menschen“, der eine weiterführende Konkretion der besonders in sozialer Hinsicht relevanten Grundphänomene der Herrschaft und Arbeit darstellt. Auch hier gilt das jeweils leitende Ziel, nämlich die sozialphilosophische Konkretisierung eines Themas bzw. die Grundlegung einer Philosophie der Erziehung, als Kriterium für die Zuordnung dieses Textes. Dies ist jedoch kein bloß formales Kriterium, denn die Überschneidungen waren für Fink sachlich gerechtfertigt; galt es für ihn doch, eine Sozialphilosophie und Philosophie der Erziehung eben auf der Basis seiner philosophischen Position zu errichten. Thematische Überschneidungen wie diese verdeutlichen somit zum einen die Notwendigkeit, zwischen thematischen Feldern zu unterscheiden, aber auch die Möglichkeit, ihren gleichwohl bestehenden engen Vernetzungen untereinander nachzuspüren.
Konzept der Gesamtausgabe
Die Ausgabe umfasst zwanzig Bandzählungen; da manchen Bandnummern Unterbände zugewiesen sind, ist insgesamt die Edition von dreißig Bänden geplant. Die Gliederung der Gesamtausgabe erfolgt in erster Linie nicht nach äußeren Kriterien, wie z. B. nach einer Einteilung in veröffentlichte und unveröffentlichte Werke, und auch nicht chronologisch, sondern sachlich nach dem Grundaufriss von Finks Philosophie.
Dementsprechend umfasst sie die vier Abteilungen Phänomenologie und Philosophie (I.), Ontologie – Kosmologie – Anthropologie (II.), Philosophische Ideengeschichte (III.) und Sozialphilosophie und Pädagogik (IV.). Innerhalb dieses Aufrisses ist in zweiter Linie dort, wo es sachlich naheliegend und möglich ist, eine chronologische Anordnung vorgesehen. So sind die Bände der Abteilungen I und II, welche die Entfaltung von Finks philosophischem Standort deutlich machen, im Wesentlichen chronologisch angeordnet. Die Bandfolge der III. Abteilung orientiert sich an der geschichtlichen Folge der behandelten ideengeschichtlichen Positionen, da hier, im Gegensatz zu den Schriften der Abteilungen I und II, eine die Werkgeschichte berücksichtigende Anordnung der Texte für diese wenig Signifikanz besäße. Die Reihung der vierten Abteilung wird nach sachlichen Gesichtspunkten im Schritt von der Sozialphilosophie über die Sozialfunktion des Pädagogischen zur Philosophie der Pädagogik und ihrer Geschichte vorgenommen. Kleinere Arbeiten wie Vorträge und Aufsätze werden in allen Abteilungen entsprechenden Themenbänden zugeordnet, auch wenn sie aus anderen Werkphasen entstammen als die Haupttexte, die einen Themenband definieren. Dies entspricht dem leitenden Kriterium der sachlichen Zuordnung und hat zudem den Vorteil, dass der Leser zu einem Thema nicht nur alle relevanten Texte Finks findet, sondern überdies ihre werkgeschichtliche Genese verfolgen kann.
Für die Textanordnung in jedem einzelnen Band gilt das chronologische Prinzip, und zwar jeweils für die Haupttexte und die Beilagen. Die Haupttexte sind in der Regel längere, ausformulierte Schriftstücke (hierzu zählen auch die von den Schülern Finks angefertigten Protokolle), während im Beilagenteil Dispositionen und Aufzeichnungen aufgenommen werden, die den jeweiligen Haupttexten zugehören oder deren Thema weiter verfolgen. Bei der Wahl der Titel für die einzelnen Bände werden möglichst Formulierungen von Werken Finks verwendet.
Die Gesamtausgabe ist textkritisch angelegt. Textgrundlage bildet in der Regel die letzte Textfassung Finks. Alle zu einem Text vorhandenen Fassungen werden in ihrem Textzustand beschrieben. Da die meisten der von Fink selbst publizierten Bücher auf Vorlesungsskripten basieren, werden alle inhaltlich relevanten Abweichungen zu diesen textkritisch verzeichnet. Von Fink verwendete Zitate werden nachgewiesen und gegebenenfalls richtiggestellt. Die Texte werden in der Gestalt belassen, in der Fink sie verfasst hat, lediglich Rechtschreibung und Interpunktion werden den Regeln der deutschen Rechtschreibung vor der Rechtschreibreform angepasst. Als nötig sich erweisende Eingriffe der Herausgeber werden durch spitze Klammern im Text bzw. durch eine Notiz im textkritischen Apparat als solche kenntlich gemacht.
Jede Ausgabe enthält zudem ein ausführliches Nachwort der Herausgeber, das die Entstehung der betreffenden Texte beschreibt und sie im Gesamtwerk Finks lokalisiert, sowie ein Verzeichnis der von Fink zitierten Literatur.
Eugen Fink-Gesamtausgabe (EFGA)
Herausgegeben von Annette Hilt, Cathrin Nielsen, Alexander Schnell, Hans Rainer Sepp und Holger Zaborowski
Koordination: Eugen Fink Zentrum Wuppertal
Mit archivalischer Unterstützung durch das Universitätsarchiv der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und das Eugen-Fink-Archiv an der Universität Erfurt
Wissenschaftlicher Beirat
Damir Barbarić (Zagreb)
Rudolf Bernet (Leuven)
Ronald Bruzina († Lexington)
Renato Christin (Trieste/Berlin)
Natalie Depraz (Paris)
Giovanni Jan Giubilato (Wuppertal)
Wolfhart Henckmann (München)
Catherine Homan (Milwaukee)
Guy van Kerckhoven (Brüssel)
Pavel Kouba (Prag)
Riccardo Lazzari (Mailand)
Alfredo Marini (Mailand)
Javier Sán Martín (Madrid)
Käte Meyer-Drawe (Bochum)
Franz Anton Schwarz (Freiburg)
Christopher Turner (Stanislaus)
Yoshihiro Nitta (Tokyo)
Helmuth Vetter (Wien)